by François Bastian

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bastianBei den Bayreuther Festspielen Wagner zu spielen, ist der Ritterschlag für einen Hornisten, der in Deutschland studiert hat. Im Hornzimmer des Festspielhauses hängt eine große Tafel an der Wand, auf der die Namen aller Hornisten stehen, die seit 1876 im Festspielorchester gespielt haben. Wenn man vor dieser Tafel steht und die Namen der berühmten Hornisten liest, wird einem schnell bewusst, welche Ehre es ist und welche Verantwortung es mit sich bringt, diese musikalische Tradition weiterführen zu dürfen.

Zehn Wochen dauern die Festspiele für uns Hornisten, von Ende Juni bis Ende August, und meistens spielen dort den Sommer über 18 Hornisten. Vier davon spielen ausschließlich Wagner-Tuba, was im Vergleich zu anderen Opernhäusern eine Besonderheit ist. Ein Mitglied der Gruppe wird ausgewählt, den berühmten Siegfriedsruf zu spielen. In diesem Jahr hat Carsten Duffin, Solohorist beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunk, sein Debut als Rufbläser gegeben. Den „Rekord“ hält Gerd Seifert, der den Siegfriedsruf 157 mal bei Aufführungen gespielt hat.

Die Art zu spielen ist im Bayreuther Orchestergraben ziemlich speziell. Der Graben ist fast geschlossen, die Hörner sitzen ganz hinten, sind also vollständig von der Bühne bedeckt. Deshalb müssen alle Nuancen übertrieben gespielt werden: Vereinfacht gesagt, muss alles eine Stufe lauter gespielt werden. Piano bedeutet mindestens Mezzoforte etc. Die gestopfen Stellen und andere Effekte werden, besonders von den tiefen Hörnern, so laut wie möglich gespielt, damit das Publikum sie hören kann. Das erinnert mich ständig an die wichtigen Übungen, die Prof. Marie-Luise Neunecker mir damals gezeigt hat: Jeden Tag fünf Minuten Lippentriller und fünf Minuten Stopftöne in der Tiefe zu üben, ist unverzichtbar, um diese Fähigkeiten auszubilden und erhalten zu können.

Um eine fünf Stunden lange Wagner-Oper vier Mal in der Woche, zehn Wochen lang spielen zu können, muss man vor allem jederzeit auf der Luft spielen. So entwickelt sich der Klang und die Ausdauer. Diese Art zu spielen ist sehr aktiv, gesund und man spürt die positiven Auswirkungen noch die ganze reguläre Saison über.

Technisch gesehen liegt das Geheimnis darin, sich nicht während der ersten Tage von der Kraft der Musik mitreißen zu lassen. Man muss der eigenen Technik vertrauen und darf vor allem nicht forcieren. Es kommt vor, dass ich mich nach zwei Wochen frage, ob ich jemals wieder piano spielen können werde. Deshalb ist es wichtig, sich auch in leisen Bereichen einzuspielen. Wenn diese Anpassungszeit von zwei Wochen vorbei ist, fühlt man sich beinahe unplattbar!

Was mich in der Bayreuther Horngruppe am meisten beeindruckt hat, ist die perfekte Mischung zwischen Professionalität und freundschaftlicher Atmosphäre. Alle sind von der Musik von Wagner besessen, und geben alles, damit die Vorstellung optimal läuft. So gibt es zum Beispiel eine Satzprobe vor jedem Akt von jeder Oper, um sich in der ständig wechselnden Besetzung optimal einspielen zu können. Außerhalb des Festspielhauses ist die Stimmung zwischen uns familiär. Bei 18 Hornisten besteht immer die Möglichkeit, irgendwas miteinander zu unternehmen, sei es Tennis oder Fußball zu spielen, die Freizeit mit der Familie am See zu verbringen, oder die legendären Grillabende an freien Tagen.

Der gemeinsame Nenner ist die Liebe zu Wagners Musik, das Engagement, und die Fähigkeit, sich im richtigen Moment gemeinsam entspannen zu können, damit man immer frisch in die  Vorstellungen gehen kann. Jeder wird so angenommen und von den erfahrenen Kollegen akzeptiert, wie er ist, das ist eine starke Erfahrung, besonders als junger Hornist.

Viele Musiker können nicht verstehen, warum man 10 Wochen für Bayreuth "opfert". Wenn man aber diese Erfahrung macht, die einen menschlich und hornistisch so voran bringt, wundert es einen nicht, dass es Hornisten gibt, die schon über 30 Sommer in Bayreuth verbracht haben.


François Bastian live:

Strauss, Ein Heldenleben, die Kraftstelle (onboard camera)

Ein Heldenleben, gesamte Aufnahme mit dem Bayerischen Rundfunk

Kerry Turner, Quartet #3 (alle 4 Hornisten auf dem Video spielen auch aktuell in Bayreuth)

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